Was sind Streuobstwiesen?

 

Streuobstwiesen sind vom Menschen geschaffene Kulturlandschaften und eine Form des Obstanbaus, die für Mehrfachnutzung angelegt ist. Die hochstämmigen Bäume, die "verstreut" in der Landschaft stehen, tragen unterschiedliches Obst wie Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen oder Walnüsse. Die Wiese kann als Weideland genutzt werden. Ein weiteres Merkmal ist eine Bewirtschaftung, bei der in der Regel kaum Dünger und Pestizide eingesetzt werden. Zwar wurde der Obstbau bereits im Mittelalter professionell betrieben, doch erst im 18. und 19. Jahrhundert entstanden die Streuobstwiesen, wie man sie heute kennt.

 

© Klaus Mayhack

 

 HOT SPOT DER ARTENVIELFALT 

Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Biotopen ganz Mitteleuropas. Sie bieten beste Voraussetzungen für eine hohe Artenvielfalt. Die Nährstoffknappheit, die durch die fehlende Düngung und die nur zweimalige Mahd im Jahr entsteht, bewirkt, dass keine Pflanzenart überhandnehmen kann. So können zahlreiche Arten nebeneinander existieren. Mehr als 5000 Tier- und Pflanzenarten leben auf einer Streuobstwiese. Je nach Bodentyp kommen unterschiedliche Pflanzengesellschaften vor. Typisch ist zum Beispiel die Glatthaferwiese. Neben dem namensgebenden Glatthafer wachsen dort das Wiesen-Labkraut, der Wiesen-Storchschnabel und die Wiesen-Glockenblume. Die zahlreichen unterschiedlichen Pflanzenarten locken wiederum viele Tierarten an: Insekten, Amphibien, Reptilien und Säugetiere.

 

So reiht sich ein Kleinbiotop an das andere. In der "oberen Etage" bieten die verstreut stehenden Obstbäume verschiedenen Tierarten Unterschlupf. Typische Vogelarten sind Steinkauz, Wendehals, Grün- und Buntspecht. Im alten, knorrigen Obstbaumgehölz finden auch Fledermäuse und Siebenschläfer Unterschlupf.  Unter den Rindenritzen im Baumstamm können sich Hornissen einnisten.

 

© Klaus Mayhack

 

 WIESENPRODUKTE 

Streuobstwiesen gelten als Arche Noah für alte Obstsorten. Mehr als 1200 Apfelsorten, 1000 Birnensorten, 250 Kirschsorten und 320 Zwetschgensorten sind bekannt. Sie schmecken nicht nur wunderbar aromatisch, sondern tragen auch noch so hübsche Namen wie "Schafsnase", "Gute Luise" oder "Lederhosenbirne". Auch Walnuss und Speierling sind typische Vertreter der Streuobstwiesen.

 

Über Jahrhunderte haben sich durch Kreuzungsversuche oder Zufallssämlinge Sorten entwickelt, die einen besonders guten Geschmack oder andere Vorteile hatten. Manche Sorten eignen sich vorzüglich als Tafelobst, andere sind besonders resistent gegen Pilz- und Schädlingsbefall. Wieder andere sind sehr gut lagerfähig, oder eignen sich für die Herstellung von Marmeladen oder Gelees. Einige sind ideal als Kuchenbelag oder Mostobst. Neben all dem Obst ist auch Honig ein typisches Streuobstwiesenprodukt. Gerne platziert der Imker sein Bienenvolk neben einer Streuobstwiese, da die Bienen vor allem auf die Apfelblüte "fliegen". Das Holz der Streuobstwiesenbäume ist edel und von guter Qualität. Birnbaumholz wird zum Beispiel im Musikinstrumentenbau verwendet. Und natürlich dürfen die Produkte der Weidetiere - Milch, Käse, Wurst oder Wolle - nicht vergessen werden.

 

© Klaus Mayhack

 

 FÜNF VOR ZWÖLF FÜR DIE STREUOBSTWIESE 

Trotz all dieser tollen Eigenschaften sind die Streuobstwiesenbestände heute stark bedroht. Ein dramatischer Rückgang ereignete sich in den 1960er und 1970er Jahren. Der Streuobstbau wurde damals als "betriebswirtschaftlich unrentabel" eingestuft und die Rodung von Streuobstwiesen sogar mit Landesmitteln gefördert, um Platz für effektiver zu bewirtschaftende Obstplantagen und Bauland zu schaffen. Erst Anfang der 1970er Jahre setzte ein Umdenken ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Landschaftsbild durch die Rodungen massiv verändert. Zudem beobachteten Naturschützer, dass viele heimische Vogelarten zurückgingen. Sie erkannten, wie bedroht die wertvollen Biotope waren, und schlugen Alarm.

 

 

 MOSTTRINKER SIND NATURSCHÜTZER 

Wie konnten sie die Bevölkerung vom Nutzen der Streuobstwiesen am besten überzeugen? Im Vergleich zur Plantagen-Obsternte ist die Ernte auf der Streuobstwiese wesentlich mühseliger. Dazu kommt noch, dass es dort viele unterschiedliche Sorten gibt, die zu unterschiedlichen Zeiten reifen - es muss in mehreren "Gängen" geerntet werden. Keine Obstkelterei bezahlt diese Mühen angemessen, sodass sich die Obsternte auf den Streuobstwiesen nicht mehr rechnete. Mitte der 1980er Jahre entwickelte einige Naturschützer eine ebenso pfiffige wie nachhaltige Strategie. 1987 startete der "Bund für Umwelt und Naturschutz" in Markdorf und Überlingen das erste Aufpreismodell: Die Mosterzeuger zahlen für Obst von der Streuobstwiese einen Aufpreis, der über dem marktüblichen Preis liegt. Als Gegenleistung darf sich der Verbraucher, der dann ein paar Cent mehr für seinen Apfelsaft bezahlen muss, darüber freuen, dass er einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Streuobstwiesen leistet. Bis heute - mehr als 20 Jahre später - hat sich diese Öko-Strategie bewährt.

 

© Klaus Mayhack

 

 HAT DIE STREUOBSTWIESE NOCH ZUKUNFT? 

Streuobstwiesen gelten nach wiwe vor als stark gefährdet. Ob sie eine rosige Zukunft haben werden, hängt maßgeblich davon ab, ob genügend Menschen bereit sind, Zeit und Energie in ihre Pflege zu investieren. Dazu gehört unter anderem der fachgerechte Baumschnitt. Dieser ist notwendig, da die Bäume sonst zu früh vergreisen. ZZweimal im Jahr muss gemäht und das Obst im Herbst geerntet werden. Was früher selbstverständlich war, ist heute eine zeitintensive und unrentable Herausforderung. Doch mittlerweile besinnen sich viele Menschen wieder auf den Wert regionaler Erholungsräume. In einigen Städten gibt es Streuobsterlebniszentren oder Streuobstpfade. Manche Schulen legen neben ihren Schulgärten inzwischen auch Streuobstwiesen an. Nur wenn das Wissen um die Bedeutung und Pflege dieser wertvollen Biotope an die nächste Generation weitergegeben wird, hat die Streuobstwiese in Zukunft eine reale Chance.